Qualzucht bei Tauben

22.04.2025

Wenn man von Qualzucht spricht, denken die meisten Leute direkt und ausschließlich an Hunde und Katzen mit zu kurzen Beinen, Schnauzen und degenerierten Ohren. Aber leider endet die Qualzucht nicht bei Hunden und Katzen, denn bei all unseren heutigen domestizierten Haustieren treten Formen von Qualzuchten auf und dazu gehören auch Tauben.

Wie alles begann!

Unsere heutigen Haustauben stammen von Felsentauben ab. Wissenschaftlich konnte bis heute nicht geklärt werden, warum Tauben und Menschen sich annäherten, aber es gibt Hinweise, dass die Domestizierung der Felsentauben bereits 5000 v.Chr. in Mesopotamien, Indien und Ägypten begann und bereits 1500 v.Chr. Rassetauben gezüchtet wurden. Tauben gehören damit zu den ältesten Haustieren des Menschen. In Deutschland begann die eigentliche Rassetaubenzucht Mitte des 18ten Jahrhunderts und laut dem Verband Deutscher Rassetaubenzüchter gibt es heutzutage unter allen Haustieren bei den Tauben die größte Rassenvielfalt – man kommt auf bis zu 1100 Taubenrassen (zum Vergleich: es gibt "nur" 350 Hunderassen).

Haustauben. siehe Tauben, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909 1. Felsentaube (wilde Stammart der Haustauben). — 2. Koburger Lerche. — 3. Strasser. — 4. Luchstaube. — 5. Lockentaube. — 6a. Sächsische Trommeltaube. — 6b. Deutsche Trommeltaube. — 7. Langschnäbliger Elstertümmler. — 8. Mittelschnäbliger Berliner Tümmler (kupferiger). — 9. Kurzschnäbliger Tümmler. — 10. Perückentaube. — 11. Anatolisches Möwchen (Möwchentaube). — 12. Pfauentaube. — 13. Englischer Kröpfer. — 14. Nürnberger Bagdette. — 15. Karrier. — 16. Deutscher Indianer. — 17. Römertaube. — 18. Malteser. — 19. Antwerpener Brieftaube. — 20. Schaubrieftaube.
Haustauben. siehe Tauben, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 19. Leipzig 1909 1. Felsentaube (wilde Stammart der Haustauben). — 2. Koburger Lerche. — 3. Strasser. — 4. Luchstaube. — 5. Lockentaube. — 6a. Sächsische Trommeltaube. — 6b. Deutsche Trommeltaube. — 7. Langschnäbliger Elstertümmler. — 8. Mittelschnäbliger Berliner Tümmler (kupferiger). — 9. Kurzschnäbliger Tümmler. — 10. Perückentaube. — 11. Anatolisches Möwchen (Möwchentaube). — 12. Pfauentaube. — 13. Englischer Kröpfer. — 14. Nürnberger Bagdette. — 15. Karrier. — 16. Deutscher Indianer. — 17. Römertaube. — 18. Malteser. — 19. Antwerpener Brieftaube. — 20. Schaubrieftaube.

Aber warum wurden Tauben zu Haustieren?

Die Gründe für die Zucht von Tauben sind mannigfaltig: Wo sie früher eher als Dünger-, Fleisch- oder Eierlieferanten ihre Daseinsberechtigung hatten, werden sie heute für "sportliche" Wettbewerbe gezüchtet. Hierbei müssen sie als "Brieftauben" ihren Orientierungssinn unter Beweis stellen, um zu ihrem Heimatschlag, d.h. ihrem Partner und Brut zurückzufinden, oder als Kunstflugtauben in der Luft oder am Boden(!!) Purzelbäume darstellen. Wieder andere Rassen dienen nur als hübsche Anschauungsobjekte, die nach bestimmten optischen Vorstellungen ihrer Züchter und Halter genetisch geformt werden, um Ansehen und Preise einzustreichen. Vor allem aus letzterem resultiert die Qualzucht bei Tauben.

Welche Taubenrassen gibt es?

Tauben werden generell in vier Kategorien unterteilt: Rassetauben, Brieftauben, Flugsporttauben sowie Wirtschafts- oder Fleischtauben. Rassetauben unterteilen sich weiterhin in Formentauben, Warzentauben, Huhntauben, Kropftauben, Farbentauben, Trommeltauben, Strukturtauben, Mövchentauben und Tümmlertauben. Alle der letzten genannten Rassetauben werden unter einem Rassestandard und mit Ausrichtung auf verschiedene körperliche Merkmale gezüchtet – einige davon sind Qualzuchtmerkmale.


Übermäßig großer Kropf bzw. Kropftauben

Kropftaube (c) Wikipedia.de
Kropftaube (c) Wikipedia.de

Kropftauben oder Kröpfer sind Tauben, die durch ihren großen Kropf auffallen. Zusätzlich zu diesem körperlichen Merkmal wurden diesen Rassen auch Verhaltensänderungen angezüchtet und so zeigen Kröpfer ein übersteigertes Balzverhalten. Sie blasen bei jeder kleinen Erregung ihren Kropf mit Luft auf. Durch das ständige Überdehnen des Kropfes, erschlafft die Kropfwand auf Dauer und es bildet sich ein Hängekropf, in dem Kropfinhalte leicht zurückbleiben. Diese fangen an zu gären oder sogar zu faulen und es kommt zu Kropfwandentzündungen, die auch chronisch werden können.


Federfüßigkeit

Belatschte Taube (c) VDT-online.de
Belatschte Taube (c) VDT-online.de

Vielen Rassetauben wurden Federfüße angezüchtet. Im Fachjargon unterscheidet man hierbei zwischen bestrümpften und belatschten Tauben. Bestrümpfte Tauben haben nur eine leichte Befiederung an den normalerweise federfreien und beschuppten Beinen und Füßen, die wahrscheinlich kaum eine Einschränkung darstellen. Belatschte Tauben hingegen weisen eine ausgeprägte Befiederung der Beine und Zehen auf. Tauben mit belatschten Füßen sind durch die weit ausladende Fußbefiederung sehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt: Sie sind laufbehindert und die "Latschen" behindern die Tiere auch beim Fliegen, denn die Fußbefiederung bietet eine große Angriffsfläche für Wind. Hinzu kommt, dass die Kiele der Federn durchblutet sind. Brechen oder knicken die Federn ab, kann es zu Blutungen kommen und die Kiele können sich, wenn Bakterien in die Wunde gelangen, entzünden. Ein weiterer Nachteil der belatschten Füße ist, dass die Tauben während des Brutgeschäftes versehentlich Eier und Jungtiere mit den langen Fußfedern aus dem Nest heraustragen und die Jungtiere sterben, wenn sie nicht frühzeitig vom Züchter gefunden werden. Die Fußfedern solcher Rassen müssen daher während der Brutsaison regelmäßig gekürzt werden. Auch ist inzwischen bekannt, dass vor allem belatschte Rassen sehr anfällig für Parasiten wie Federlingen oder Milben sind.


Federhauben, Federwirbel und andere Gefiederveränderungen

Wie auch bei der Befiederung der Füße, ist es für Tauben kaum eine Einschränkung, wenn sich Gefiederveränderungen in Grenzen halten. Es gibt aber Züchtungen mit extremen Ausformungen von Federhauben oder Federwirbeln, die im Kopf- oder Halsbereich auftreten und weit in den Sichtbereich des Tieres hineinragen. Solche Federnkragen oder Perücken stellen für die Tiere eine Sichteinschränkung bzw. Sehbehinderung dar, so dass sie zum Beispiel im Flug anfällig für Greifvögel sind oder aber während des Brutgeschäftes ihre Jungtiere versehentlich verletzen oder töten. Auch Veränderungen der Ruderfedern, wie bei den Pfautauben, oder des Deckgefieders, wie bei Lockentauben, können für die Tiere eine Einschränkung beim Flug darstellen oder sie, wie bei dem Merkmal "Seidenfiedrigkeit", völlig flugunfähig machen.

Lockentaube (c) VDT-online.de
Lockentaube (c) VDT-online.de
Pfautaube
Pfautaube
Kapuzinertaube (c) Jim Gifford
Kapuzinertaube (c) Jim Gifford


Kurzschnäbligkeit

Kurzschnäblige Strukturtauben mit Belatschung
Kurzschnäblige Strukturtauben mit Belatschung

Kurzschnäbligkeit bezeichnet eine extreme Verkürzung von Ober- und Unterschnabel. Tauben kurzschnäbliger Rassen haben spezielle Anforderung an ihre Nahrung, denn sie können nicht, wie andere Rassen, große Sämereien fressen. Auch die Gefiederpflege ist durch den kurzen Schnabel eingeschränkt. Des Weiteren ist die Aufzucht der eigenen Jungtiere schwierig, da Tauben ihre Küken mit Kropfmilch füttern, die die Küken quasi aus dem "Hals" der Elterntiere trinken. Da dies nur eingeschränkt möglich ist, müssen häufig Ammentauben eingesetzt werden, um die Küken groß zu ziehen. Es ist auch bekannt, dass bei kurzschnäbligen Rassen häufig Schnabelmissbildungen auftreten, die Verhaltensweisen für den Selbsterhalt (Nahrungsaufnahme, Gefiederpflege etc.) erschweren oder vereiteln. Weiterhin treten bei diesen Rassen häufig Schlupfprobleme auf, denn der Eizahn der Küken, mit dem sie die Schale des Eis öffnen, ist häufig missgebildet oder fehlt in Gänze. Solche Jungtiere verenden im Ei, wenn nicht vom Menschen eingegriffen und das Küken aus dem Ei befreit wird.


Homozygot letale Farbschläge

Taube mit Almondfaktor (c) taubensell.de
Taube mit Almondfaktor (c) taubensell.de

Tauben gibt es inzwischen in vielen Farbschlägen von weiß, schwarz, silber, blau bis hin zu gelb, braun und rot. Auch die Zeichnungen der Federn varieren von Rasse zu Rasse. Während bei einigen Tauben die wildfarbende Zeichnung aber in verschiedenen Farbschlägen hervorgehoben wird, züchten andere Tauben, die zum Beispiel einfarbig, gehämmert oder getüpfelt sind. Es gibt aber zwei Farbschläge, die, ähnlich wie der Merlefaktor bei Hunden, in Reinerbigkeit (d.h. Mutter und Vater geben das Gen weiter – Nachwuchs ist homozygot) zu Miss- und Fehlbildungen bzw. zum Tod der Tiere führt: Dominant Opal sowie Almond. Das Defektgen dominant Opal führt zu weißen Flügelbinden, sowie zu einer farblichen Aufhellung des gesamten Federkleids und dem Ausbleichen der Schwanz- und Schwungfedern. Homozygote Tiere sterben überwiegend schon gegen Ende der Bebrütungsdauer im Ei. Überlebende sind komplett weiß, weisen starkes Kopfzittern auf und erreichen zumeist nicht die Geschlechtsreife. Almond Tauben sind vielfarbig, "getüpfelt" mit einem braunen Grundton. Homozygote Tiere hingegen sind, sofern sie nicht vor dem Schlupf absterben, weiß gefärbt und weisen Augenmissbildungen und hochgradige Sehstörungen sowie Bewegungs- und Orientierungsstörungen auf.


Zitterhalsigkeit

Zitterhalsige Taube (c) taubensell.de
Zitterhalsige Taube (c) taubensell.de

Zitterhalsigkeit ist eine Verhaltensstörung bei bestimmten Rassen, die gezielt von Liebhabern selektiert wird. Sie äußert sich in einem ruckartigen Hin- und Herschwingen des Halses. Dies hat zur Folge, dass Tauben mit diesem Merkmal sich häufig nur langsam und auffällig starr bewegen. Zitterhalsigkeit in Kombination mit einer abweichenden Körperhaltung, wie zum Beispiel bei Pfautauben, die eine angehobene Brustpartie und einen weit nach hinten gebeugtem Kopf aufweisen, führt in den meisten Fällen zu Gleichgewichtsstörungen.


Flugroller und Bodenpurzler

Als Rollen oder Purzeln bezeichnet man Abweichungen vom normalen Flugverhalten, d.h. die Tiere schlagen während des Fluges oder am Boden Purzelbäume. Vor allem bei hochgezüchteten Rollertaubenrassen kommt es immer wieder vor, dass Tiere während einer Saltoserie, die Kontrolle verlieren, den Flug nicht mehr koordinieren können und sich als sogenannte Todesroller bei einem Aufschlag auf den Boden oder Hindernissen tödlich verletzen. Bodenpurzler hingegen sind Tauben, die bei Erregung nicht auffliegen, sich aber über den Boden rollen. Ursache für diese Verhaltensstörung sind erbliche Stoffwechselstörungen, die dafür sorgen, dass die für die Bewegungskoordination wesentlichen Botenstoffe im Gehirn nicht mehr vorhanden sind. Trotzdem werden diese Tauben gezüchtet, um sie bei "sportlichen Wettbewerben" gegeneinander antreten zu lassen.


Hautveränderungen

Warzentaube
Warzentaube

Bei Warzentauben wachsen die Schnabelwarzen und Augenringe ein Leben lang und können dabei sehr groß werden. Vor allem mit zunehmendem Alter führt die angezüchtete Steigerung der Wachtumsrate dazu, dass die Tiere nur noch eingeschränkt sehen können und "futterblind" werden. Die Falten der Schnabelwarzen entzünden sich häufig und die geschwulstartigen Veränderungen an der Nasenwachshaut führen weiterhin dazu, dass die Nasenöffnungen eingeengt werden und das Tier nicht mehr normal atmen kann. Es gibt Berichte, dass mehrjährige Tiere häufig getötet werden müssen, da die Lebensfähigkeit dieser Tauben stark reduziert ist.

Quellen:

  • Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht (2005) "Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)". Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/gutachten-paragraf11b.html)
  • Qualzucht-Evidenz Netzwerk – Qualzucht bei Tauben (https://qualzucht-datenbank.eu/tauben-weitere-informationen-taubenzucht/)